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In memoriam Harald Pager

In memoriam Harald Pager

Im zentralen Namibia, am Rande der Namib Wüste, gibt es ein kleines Inselgebirge von ca. 25 – 30 km Durchmesser, das sich etwa 2000 m aus der umgebenden Ebene erhebt und mit dem Königstein (2573 m) auch den höchsten Gipfel Namibias aufweist. Die Rede ist vom Brandberg, der bei gutem Wetter noch aus großer Entfernung zu sehen ist und daher den meisten Namibia Reisenden (zumindest dem Namen nach) bekannt ist. Wer auf einer Rundreise durch Namibia am Brandberg vorbeikommt, macht u. U. einen Abstecher in die Tsisab Schlucht, sieht sich im Rahmen eines kleinen Spaziergangs die Felsbildstelle der „White Lady“ an ... und fährt dann weiter.




Eingefleischten Fans afrikanischer Rock Art jedoch hat der Brandberg noch viel, viel mehr zu bieten! Man schätzt die Zahl der Felsbildstellen auf ca. 1.000 und die Zahl der einzelnen Darstellungen auf über 50.000. Etwa 85 % davon wurden bis heute dokumentiert, auf höchstem wissenschaftlichen Niveau. Zu verdanken haben wir dies im wesentlichem einem einzigen Mann, der von 1977 – 1985 fast ununterbrochen auf dem Brandberg gelebt und mit bewundernswertem Enthusiasmus gearbeitet hat. In dieser Zeit nahm er 879 Fundstellen maßstabsgetreu auf und pauste ca. 45.000 Figuren mit Bleistift in höchster Akribie auf über sechs km Zeichenfolie ab. Sein Name war Harald Pager. An ihn möchte dieser Beitrag erinnern.

Pager wird 1923 in Römerstadt, in der früheren Tschechoslowakei geboren und geht dort auch zur Schule. Als das Land im 2. Weltkrieg von deutschen Truppen besetzt wird, kann er sich der Einberufung in die deutsche Armee nicht entziehen. Fünf Jahre später ist der Krieg aus und Pager geht zu Fuß nach Österreich, um dort zunächst auf dem Bau Geld zu verdienen. Als er genügend gespart hat, beginnt er ein fünfjähriges Kunststudium an der Universität Graz. Nach dessen Ende bleibt er noch zwei Jahre in Österreich, um dann 1952 nach Südafrika auszuwandern. In Johannesburg verdient er fortan sein Geld als Werbegraphiker.

Pagers spätere Frau, Shirley-Ann Pager, nennt ihn einen „Party-boy“: Kontaktfreudig, lebensfroh, im Arm ein hübsches Mädchen, unter dem anderen Arm eine Flasche Brandy. Der Gedanke drängt sich auf, dass Pager zu dieser Zeit wohl nachholen will, was der Krieg ihm vorenthalten hatte.

Doch dann passiert etwas, das Pagers Leben nachhaltig verändern wird. Man kann wohl von einer Art Schlüsselerlebnis sprechen. In einem Laden entdeckt er ein Buch über südafrikanische Felsbilder. Pager ist fasziniert und läßt sich vom Autor zu den Fundstellen in den Drakensbergen führen. Ruhe kehrt ein in das Leben des Harald Pager. Er heiratet Shirley-Ann, die dem Partytrubel der Stadt nicht viel abgewinnen kann, und zusammen macht sich das Paar auf in die Drakensberge, um dort Felsbilder zu dokumentieren. Pager entwickelt seine ganz eigene Methode, Felsmalereien mit kräftigeren Farben und höherem Kontrast als dem der doch manchmal ziemlich verblaßten Originale wiederzugeben. Er koloriert Schwarzweißabzüge in Originalgröße vor Ort mit Ölfarben. Das Ergebnis einer dreijährigen Arbeit ist Pagers 1971 erscheinendes, Aufsehen erregendes Buch „Ndedema. A documentation of the rock paintings of the Ndedema Gorge.“ (1), das heute nur schwer (und sehr teuer) antiquarisch erhältlich ist. Auch in seinem 1975 erscheinenden Buch „Stone Age. Myth and Magic as documented in the rock paintings of South Africa.“ (2) kann man ein paar dieser Bilder bewundern.


Harald Pager beim Kolorieren. Mit freundlicher Genehmigung der Akademischen Druck- u. Verlagsanstalt, Graz entnommen aus Lit. (2) S. 98.


1977 bekommt Pager das Angebot, im Auftrag des Instituts für Ur- und Frühgeschichte der Universität Köln die Felsbilder des Brandbergs in Namibia zu dokumentieren. Er willigt ein und macht sich an die Arbeit. Ein hartes Leben voller Entbehrungen beginnt.

Nicht nur der ständige Mangel an Wasser macht zu schaffen, auch die große Isoliertheit vom Rest der Welt ist gewöhnungsbedürftig. Als Harald Pager gefragt wird, wie er denn damit fertig werde, so lange allein im Brandberg zu leben und zu arbeiten, antwortet er in seiner humorvollen Art: „Oh, das ist kein Problem. Man kann sich ablenken und sich zum Beispiel mit den Eidechsen unterhalten. Ein Problem wird es erst, wenn sie antworten.“ (5)

Pager arbeitet mit zwei, manchmal drei einheimischen Helfern zusammen. Während er die Felsmalereien abpaust, suchen sie nach neuen Fundstellen. Und sie machen ihre Arbeit gut. Sehr gut sogar. Die Liste der Fundstellen wird immer länger, die ursprünglich veranschlagte Zeit von 1 – 2 Jahren ist schon bald überschritten. Ein um das andere Jahr geht ins Land. Im März 1983 notiert Pager in sein Tagebuch: "Ein großes Felsbild wie dieses versetzt mir immer eine Art Schock. Wenn ich es sehe, verliere ich jede Hoffnung, diese Arbeit je zu beenden.“ (3)

Harald Pager beim Abpausen. Mit freundlicher Genehmigung durch Dr. T. Lenssen-Erz entnommen aus Lit. (4), Bd. 6, S. 38.


Doch es kommt noch schlimmer: Pager erkrankt an Krebs. Die Chemotherapie im Krankenhaus in Swakopmund verträgt er zunächst sehr gut. Sofort nach jeder Behandlung eilt er wieder auf den Brandberg, um die Arbeit fortzusetzen. Er möchte sein Lebenswerk vollenden und fürchtet gleichzeitig, dass ihm die Zeit davonläuft. Materielle Dinge haben für ihn keine Bedeutung mehr. Einem Filmteam vertraut er an: „Ich werde zum größten Teil in Sonnenauf- und –untergängen bezahlt.“ (3) Seine Frau drängt ihn dazu, seine vielen persönlichen Notizen geordnet zu Papier zu bringen, doch er antwortet nur: „Oh, well, I’ll not finish my job. Somebody else will finish it, when I’m gone.“ (3) 1985 stirbt Harald Pager im Alter von nur 62 Jahren.

Nach Pagers Tod wurde die Feldforschung auf dem Brandberg nur sehr begrenzt und punktuell fortgesetzt, zu sehr ist sie mit dem Namen Pagers und seiner spezifischen Vorgehensweise verbunden. Statt dessen gibt das Heinrich Barth Institut mit großer Sorgfalt Pagers gewaltigen wissenschaftlichen Nachlaß in der Reihe „The Rock Paintings of the Upper Brandberg“ (4) heraus. In der Zeit von 1989 bis 2006 erschienen sechs großformatige, schwergewichtige und absolut beeindruckende Bände, von denen die ersten beiden schon wieder vergriffen sind (für Band 1 ist eine Neuauflage in Vorbereitung).
Parallel dazu wurden von Dr. Tilman Lenssen-Erz und seiner Frau Marie-Theres Erz über 17.000 einzeln erfaßte Darstellungen mit ihren charakteristischen Merkmalen in eine Datenbank eingegeben und statistisch analysiert. Die daraus gezogenen Schlußfolgerungen wurden aber nicht nur in der archäologischen Fachliteratur veröffentlicht, sondern auch in einem wunderbar bebilderten Buch (5) dem interessierten Laien verständlich gemacht.


Pagers zeitraubende Methode der Felsbilddokumentation durch Abpausen muss heute nicht mehr angewendet werden. Schließlich gibt es hochauflösende Digitalkameras und Laserscanner, um die Topographie der Felsoberfläche zu vermessen. (6) Und doch kann Pager auch heute noch jedem Wissenschaftler als Vorbild dienen. Er muß von der Bedeutung seiner Arbeit absolut überzeugt gewesen sein, und er muss sie geliebt haben. Nur das kann eigentlich die Quelle seiner enormen Motivation gewesen sein. Fleiß, Ausdauer, eine nie nachlassende Gewissenhaftigkeit und absolute Seriosität kennzeichneten seinen Arbeitsstil. All das sind Eigenschaften, die bis in alle Ewigkeit die Voraussetzung für eine erfolgreiche wissenschaftliche Tätigkeit sein werden.

Im ersten Halbjahr 2011 wurden gleich mehrere deutsche Politiker mit Schimpf und Schande aus ihren Ämtern gejagt als sie des Plagiats bei ihren Dissertationen überführt wurden. In Teilen der Öffentlichkeit hat dies zu nicht unerheblichen Zweifeln an der Integrität von Wissenschaftlern geführt. Allen Skeptikern möchte man daher zurufen: Seht her, es gibt nicht nur die von und zu Guttenbergs dieser Welt, es gibt auch andere, solche wie Harald Pager!


Literatur:

1. Harald Pager: Ndedema. A documentation of the rock paintings of the Ndedema Gorge. Akademische Druck- und Verlagsanstalt, Graz, 1971.

2. Harald Pager: Stone Age. Myth and Magic as documented in the rock paintings of South Africa. Akademische Druck- und Verlagsanstalt, Graz, 1975.

3. Martina Keller und Michael Weisfeld: Die Felsbilder der Namib. Eine Reise in die Steinzeit. Südwestrundfunk. SWR2 Wissen vom 12. Juli 2011, 8.30 Uhr (Produktion 2001).

4. Harald Pager: The Rock Paintings of the Upper Brandberg, Bd. I – VI. Köln 1989 – 2006, Heinrich Barth Institut.

5. T. Lenssen-Erz und M.-T. Erz: Brandberg. Der Bilderberg Namibias. Kunst und Geschichte einer Urlandschaft. Thorbecke Verlag, Stuttgart, 2000.

6. Rudolph Kuper: In der „Höhle der Bestien“. Spektrum der Wissenschaft Spezial 2 / 2011, S. 6 ff


© 2011 Peter Felix Schäfer